Körperarbeit – Möglichkeiten der Unterstützung bei Essstörungen nach Missbrauchserfahrung

Körperwahrnehmung schulen: Bezug zum eigenen Körper mit seinen Bedürfnissen und Grenzen herstellen.
Selbstermächtigung lernen: in die eigene Kraft kommen und Handlungsfähigkeit erfahren.

Ein Artikel von Dorothea Ristau von „Wege aus der Essstörung“.

Für Außenstehende ist es oft unvorstellbar, warum Frauen mit Essstörungen sich in lebensbedrohliche Bereiche hinein hungern oder ihren Körper über das Überessen oder das Erbrechen schädigen. Es mag eine Frage sein, die nicht leicht zu beantworten ist. Doch eine Antwort könnte auf körperlicher Ebene zu finden sein: Sie spüren nicht, was sie ihrem Körper antun, da sie den Bezug zu ihm vollkommen verloren haben.

Folgen von sexuellem Missbrauch

Auch wenn sich eine Frau durch eine Essstörung weit von ihrem Körper entfernt, so hat diese Entfremdung vom Körper schon viel früher begonnen.
Frauen, die später eine Essstörung entwickeln, haben im Laufe ihrer Biografie überdurchschnittlich häufig sexuellen Missbrauch erleben müssen. Neben emotionalen Folgen wie überwältigend starken Gefühlen, z.B. Angst, Scham, Hass oder Ohnmacht, sowie den Erfahrungen, in diesen Momenten emotional allein gewesen und vielleicht sogar durch wichtige Bezugspersonen stark verletzt worden zu sein, wirkt der Missbrauch auch auf körperlicher Ebene.
Durch die schrecklichen Erfahrungen wird der Körper von Betroffenen oftmals taub, der Bezug zu ihm geht verloren und sie haben keinen Zugang mehr zu seinen Signalen. Außerdem nehmen sie eigene Bedürfnisse und Grenzen in Berührungssituationen nicht mehr wahr und leben immer in der Gefahr, im körperlichen Kontakt mit einem anderen Menschen von den Traumareaktionen eingeholt zu werden. Denn jede Berührung kann schnell zu einem Trigger werden, der die alten Gefühle der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins wieder auslöst.

Schulung der Körperwahrnehmung

Doch wo viel Schatten ist, da ist auch viel Licht. Und auch, wenn der Bezug zum eigenen Körper verloren gegangen ist und Berührungen schnell als unangenehm empfunden werden, so muss dies nicht für immer so bleiben.
Denn Berührungen bergen auch ein großes Potenzial in sich und können dabei unterstützen, aus dem Schatten ins Licht zu kommen. Dabei ist ein langsames, behutsames und achtsames Vorgehen wichtig, bei dem Berührungen sehr dosiert und bewusst eingesetzt werden.
Wenn eine Frau – denn 90% der von einer Essstörung Betroffenen sind Frauen – zu mir kommt, so bekommt sie in der Regel nicht gleich eine komplette Massage, sondern wir starten sehr langsam mit einzelnen, stillen Berührungen, die dabei unterstützen, die Körperwahrnehmung zu schulen.
Wenn der Bezug zum Körper komplett verloren gegangen ist, so gilt es, zunächst erstmal wieder mit ihm in Kontakt zu kommen: ‚Wie fühlt es sich an, wenn ich meine Hand auf deine Schulter lege?‘ Allein dieser Frage können wir uns schon über verschiedene Ebenen nähern.
Zum einen richte ich zusammen mit der Frau den Fokus auf die Körperempfindungen: ‚Welche Temperatur hat meine Hand? Wie nimmst du deine Schulter wahr? Spürst du eine Anspannung, einen Druck oder fühlt sich die Stelle entspannt an? Und was passiert im Kontakt? Verändert sich mit der Zeit etwas? Löst sich eine Verkrampfung? Oder ändert die Körperstelle ihre Temperatur?‘
Zum anderen schauen wir, was im übertragenen Sinne mitschwingt: ‚Fühlst du dich wohl? Spürst du, dass die Berührung wohlwollend gemeint ist? Fühlst du dich berührt? Spürst du eine Verbundenheit? Und was löst dieser Kontakt bei dir aus?‘
Auf diese Weise kann eine leise Berührung bereits große und wichtige Prozesse in Gang bringen. Der Fokus meiner Arbeit liegt dabei auf der Langsamkeit und nachdem wir gemeinsam erforscht haben, wie sich eine Berührung an der Schulter anfühlt, können wir uns anschließend der linken Hand oder dem rechten Knie oder den Ohrläppchen zuwenden. Dabei orientieren wir uns immer an dem, was sich für die Frau angenehm oder – wenn es noch kein „angenehm“ gibt – zumindest in Ordnung anfühlt.

Stück für Stück kann sie somit einen Zugang zu ihrem Körper bekommen, Berührungen an unterschiedlichen Stellen ihres Körpers wahrnehmen und beobachten, wie sich die einzelnen Berührungen anfühlen. Das braucht Geduld, denn wer lange vom eigenen Körper getrennt war, wird für die Wiederannäherung Zeit brauchen.
Doch mit jeder Körperwahrnehmungsübung gelingt dies immer besser und im Verlaufe des Prozesses lernt die Frau viel über sich selbst: ‚Wo mag ich gerne berührt werden? Welcher Druck fühlt sich für mich gut an? Mag ich es vielleicht sogar, an einem Bereich meines Körpers sanft gestreichelt zu werden? Und wo möchte ich überhaupt nicht berührt werden?‘ Es kristallisieren sich also im Verlaufe des Prozesses immer mehr Vorlieben und Grenzen heraus und die Frau bekommt für sich immer klarer, was sie in Berührungssituationen mag und was nicht.
Dabei geht es jedoch nicht darum, möglichst schnell viele Berührungen zulassen zu können. Viel wichtiger ist es, ins Spüren zu kommen und den Bezug zum eigenen Körper mit seinen Bedürfnissen und Grenzen herzustellen. Ein Ankommen im Moment…

Selbstermächtigung: in die eigene Kraft kommen

Neben der Schulung der Körperwahrnehmung gibt es noch einen weiteren Punkt, dem ich in meiner Arbeit viel Aufmerksamkeit zukommen lasse: der Selbstermächtigung.
Denn Missbrauchserfahrungen gehen – ebenso wie Essstörungen – mit starken Gefühlen der Ohnmacht einher. Deshalb ist es mir ein Herzenswunsch, die Frau dabei zu unterstützen, in die eigene Kraft zu kommen und ihr zu vermitteln, dass sie handlungsfähig ist.
Ganz bewusst arbeiten wir mit den Grenzen und ich übe mit der Frau, jedes „Nein“, das sie in sich wahrnimmt, laut auszusprechen. Und dieses „Nein“ wird selbstverständlich respektiert, sodass die Frau die Erfahrung macht, dass sie Berührungen nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern dass sie jederzeit „Stopp“ sagen und damit etwas bewirken kann.

Doch auch die angenehmen Empfindungen finden Beachtung und wir lenken die Aufmerksamkeit auch darauf, dass die Frau lernt, Wünsche zu äußern. Empfindet sie eine bestimmte Berührung an einer Stelle ihres Körpers als besonders angenehm, so schenke ich ihr davon so viel, wie sie möchte und freue mich mit ihr, wenn sie die Berührung genießt. Denn ich möchte einen Raum eröffnen, in dem die Frau neue, angenehme Berührungserfahrungen sammeln kann und spürt, dass das selbstbestimmte Agieren in Berührungssituationen etwas Wunderbares sein kann.
Und noch etwas trainieren wir: Den Umgang mit Traumareaktionen. Denn gerade am Anfang, aber auch wenn im Verlaufe des Prozesses die Intensität und Intimität zunehmen, können immer wieder alte Gefühle hochkommen und es besteht die Gefahr, dass die Frau von diesen heftigen Gefühlen überflutet wird.
Deshalb nehmen wir von Anfang an auch mögliche Traumareaktionen mit in den Blick. Dabei lernt die Frau, sich selbst zu beobachten, um mit der Zeit immer frühzeitiger zu bemerken, wenn sie zum Beispiel in die Dissoziation abdriftet. Außerdem gebe ich ihr eine Reihe an Strategien an die Hand, um im Hier und Jetzt zu bleiben und um nach und nach die alten Erlebnisse loszulassen, wobei wir hauptsächlich über den Körper arbeiten, um ein sanftes Loslassen der Vergangenheit zu ermöglichen.
Auf diese Weise verwandelt sich der ursprüngliche Schatten nach und nach in Licht. Und irgendwann stellen wir erstaunt fest, dass die Berührungen nicht nur an Schrecken verloren haben, sondern dass sie auch ein unwahrscheinliches Potenzial in sich tragen, das sich immer mehr entfaltet.

Dorothea Ristau unterstützt Frauen, die infolge von sexuellem Missbrauch eine Essstörung entwickelt haben, einen Zugang zum Körper zu finden und in die eigene Kraft zu kommen.

Weitere Inspirationen zu diesem Thema findest du in ihrem Podcast „Berührende Momente für Frauen“

Kuscheltherapeut*innen des KuschelRaums im Podcast:

Gueray: „Ein erster Zugang zu Berührungen nach sexuellem Missbrauch“
Elena: „Selbstberührung Teil 1“      und   „Selbstberührung Teil 2“
Angeline: „Das Konsensrad“
Rubem: „Kontakt – Sehnsucht nach Verbindung“ wird am 7.12. veröffentlicht